Zeitzeugen im Gespräch

Veröffentlicht am 28.10.2007 in Pressemitteilungen

Der Deutsche Herbst 1977 stellt den Höhepunkt der terroristischen Protest- und Widerstandsbewegung der deutschen Nachkriegsgeschichte dar.

Am 18.Oktober begingen die führenden Köpfe der ‚Roten Armee Fraktion’ Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Selbstmord in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Die Entführung der Lufthansamaschine ‚Landshut’ am 13.Oktober und die Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer am 19.Oktober gingen genauso auf das Konto der RAF, wie bereits zuvor die Morde an Jürgen Ponto, Siegfried Buback und an sieben Fahrern und Personenschützern.

Auf Einladung des Remsecker SPD Ortsvereins hat Dr.Kurt Breucker am vergangenen Freitag beim 26.Hochdorfer Schlossgespräch die Geschichte der RAF sowie den langen Strafprozess, dem er damals als jüngster Richter des Staatschutzsenates beiwohnte, vor zahlreichen zeitgeschichtlich Interessierten in sehr dichter und beeindruckender Weise referiert.

Der Terrorismus habe sein Berufsleben aber auch sein Privatleben stark geprägt. Er sei vielen persönlich begegnet, sowohl den Opfern und ihren Angehörigen, den Tätern und ihren Rechtsanwälten, dem Bundesanwalt und auch den Männern von der GSG 9.
Der 1934 geborene Breucker hat sich nicht nur mit den strafrechtlichen Aspekten der Straftaten der Roten Armee Fraktion befasst, sondern auch mit den gesellschaftlichen und politischen Hintergründen.
Auch wenn es in der Geschichte der 68er Studentenbewegung und der RAF Gemeinsamkeiten gebe, dürfte die eine keinesfalls gleichgesetzt werden mit der anderen. Es war die erste Nachkriegsgeneration, die feststellen musste, dass ihre teils noch mit Nazi-Schuld belasteten Väter schon wieder daran gingen, die soeben im Grundgesetz verankerte Demokratie aufzuweichen. Ein breites Bündnis aus Studenten, Professoren, Intellektuellen, Künstlern und Gewerkschaftern protestierte gegen die atomare Aufrüstung, gegen die Verabschiedung von Notstandsgesetzen, gegen die Gleichschaltung der Medien, gegen die Einschränkung der politischen Versammlungsfreiheit, gegen den USA-Krieg in Vietnam und auch gegen die deutsche Unterstützung des Schah-Regimes im Iran.
Erst als die friedlichen Demonstrationen und Einsprüche ohne Wirkung blieben, griffen die Protestanten zu drastischen Provokationen, zur Sitzblockade und zur Brandstiftung. Wie die Guerillakämpfer in der Dritten Welt begannen nun einige revolutionäre Gruppen der Härte des Staates bewaffnet entgegen zu treten, so auch die RAF. Unter dem Motto ‚Macht kaputt, was euch kaputt macht’ wurde die Zerstörung der staatlichen, der wirtschaftlichen und der politischen Ordnung zum Ziel des ‚antifaschistischen, antikapitalistischen und antiimperialistischen Widerstandes’.
‚ Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären’. Mit diesem Zitat aus Schillers’ Wallenstein erläuterte der frühere Strafricher seine Sicht der damaligen Eskalationsdynamik. Auch wenn bis heute mehrere Taten und Tragödien immer noch ungeklärt sind bliebe aber festzustellen, so Dr.Breucker am Ende seines Vortrages, dass das Recht über das Unrecht gesiegt habe.

Die RAF ist 30 Jahre danach, auch unter dem Einfluss der Medien, zum Mythos geworden in der Bundesrepublik Deutschland. Die Frage, ob die terroristischen Aktionen der sogenannten Baader-Meinhoff-Bande nun hauptsächlich auf dem Hintergrund des gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Wandels der 60er und 70er Jahre erklärt werden kann oder ob es sich eher um individuelle, pathologische Einzelentscheidungen handelte musste allerdings auch an diesem Abend offen bleiben.

Für die SPD Remseck a.N.
gez. Angelika Feurer
stv. Ortsvereinsvorsitzende